Selbstfürsorge oder Selbstvermeidung? Wie wir uns hinter klugen Worten verstecken - und dabei den Kontakt zu uns selbst verlieren
- Fee

- 11. Juli 2025
- 3 Min. Lesezeit
Ich habe mich selbst dabei ertappt. Mehr als einmal.
„Ich brauche jetzt Raum“, habe ich gesagt. Oder: „Ich will meine Energie schützen.“
Klingt reflektiert. Achtsam. Fast weise.
Aber ehrlich? Ich bin einfach geflüchtet. Vor einem Konflikt. Vor mir selbst.
Und das Fatale: Ich habe es nicht einmal gemerkt, weil ich fest daran geglaubt habe, dass Rückzug immer gut sei.
Was heute unter Selbstfürsorge gilt, ist zur moralisch unangreifbaren Handlung geworden.
Wer sich zurückzieht, schützt sich. Wer schweigt, heilt. Wer Grenzen setzt, beweist Stärke.
Doch wo endet gesunder Selbstschutz und wo beginnt emotionale Vermeidung?
Diese Frage ließ mich nicht los. Also habe ich gelesen, recherchiert, reflektiert. Und festgestellt:
Wir idealisieren einen Mechanismus, der uns langfristig schadet, wenn wir ihn nicht durchschauen.

Der Rückzug als Lifestyle - und warum er oft mehr schadet als schützt
Selbstfürsorge ist zum Trend geworden. Unter dem Hashtag #selfcare sammeln sich Millionen Posts:
Zieh dich zurück. Sag Nein. Breche ab, was dir nicht guttut.
Die Botschaft ist klar und verführerisch einfach.
Natürlich braucht es Grenzen. Natürlich darf man Nein sagen.
Aber: Viele dieser Grenzen sind keine Grenzen - sondern Mauern.
Sie dienen nicht dem Schutz, sondern der Flucht.
Nicht aus Klarheit gezogen, sondern aus Angst.
Die Techniker Krankenkasse fand im Einsamkeitsreport 2024 Erschreckendes heraus:
60 % der Menschen in Deutschland fühlen sich einsam. Besonders betroffen: Menschen in der Lebensmitte, die nach außen als belastbar und funktionierend gelten.
Viele von ihnen ziehen sich selbst zurück - aus Überforderung, aus Gewohnheit. Und nennen es: Selbstfürsorge.
Doch Rückzug heilt nicht per se.
Er beruhigt - kurzfristig.
Langfristig führt er zu Isolation, innerer Verhärtung und einem subtilen Gefühl, falsch zu sein.
Was Studien zeigen: Rückzug ohne Reflexion macht krank
Die Studie "Arbeiten 2023“ der Pronova BKK bringt es auf den Punkt:
78 % der Berufstätigen haben regelmäßig das Bedürfnis, sich zurückzuziehen - doch der Effekt ist ambivalent. Statt Entlastung erleben viele eine zunehmende innere Leere. Ein Teufelskreis aus Rückzug, Erschöpfung und Kontaktverlust.
(Quelle: magazin.pronovabkk.de)
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) weist 2024 darauf hin:
Menschen mit mittlerem bis hohem Bildungsgrad neigen dazu, ihren Rückzug als reflektierte Entscheidung zu werten - obwohl er oft eine Vermeidung emotionaler Auseinandersetzung ist.
(Quelle: diw.de)
Die Erkenntnis: Rückzug ist nicht falsch. Aber ohne bewusste Reflexion wird er zur Selbsttäuschung.
Die unbequeme Wahrheit: Rückzug fühlt sich gut an, wenn man nicht hinschaut
Ich kenne das. Es fühlt sich souverän an, wenn man sich entzieht.
Man nennt es Klarheit, Reife, Selbstachtung.
Aber wenn man ganz ehrlich ist, bleibt da dieser leise Nachgeschmack.
Nicht, weil der Rückzug per se falsch war. Sondern weil er nicht echt war.
Denn wer sich aus Angst vor Nähe, Kritik oder Selbsterkenntnis entzieht, heilt nicht.
Er sichert nur den Stillstand und nennt ihn Schutz.
Selbstfürsorge braucht Unterscheidungskraft
Die Frage ist nicht, ob Rückzug erlaubt ist.
Die Frage ist: Warum?
Frag dich ehrlich:
Will ich mich schützen - oder will ich nicht fühlen, was gerade da ist?
Ist meine Grenze eine Einladung zur Klarheit - oder eine elegante Form der Vermeidung?
Ziehe ich mich zurück, weil ich mich liebe - oder weil ich mich gerade nicht aushalte?
Selbstfürsorge beginnt nicht mit Rückzug.
Sondern mit Ehrlichkeit.
Und die ist selten bequem.
Was du tun kannst, wenn du dich ertappst
Benenn, was du wirklich tust.
Nicht: „Ich brauche Raum.“ Sondern: „Ich bin gerade überfordert und es fällt mir schwer, das auszuhalten.“
Bleib im Kontakt - auch mit dir selbst.
Schreib auf, was du vermeiden willst. Frag dich: Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte?
Sprich aus, was du sonst verschweigst.
Ein ehrlicher Satz ist oft heilsamer als jedes Schweigen. Nichts schützt mehr als Klarheit.
Erlaube dir, unperfekt zu sein - aber radikal ehrlich.
Es geht nicht um Kontrolle. Sondern um Integrität.
Rückzug ist kein Feind - aber auch kein Heilmittel.
Die entscheidende Grenze ist nicht der Rückzug.
Es ist die Verantwortung, die du übernimmst. Für dein Fühlen. Dein Handeln. Dein Bleiben.
Wer sich selbst ernst nimmt, hört auf, sich mit Wohlfühlphrasen zu betäuben.
Und beginnt, sich auszuhalten - auch im Zweifel. Auch in der Überforderung. Auch in der Nähe.
Ich schreibe das nicht, weil ich es besser weiß.
Ich schreibe es, weil ich es besser verstehen will.
Und weil ich glaube, dass wir genau das brauchen:
Weniger Rückzug. Mehr Echtheit. Mehr Mut.










Kommentare