Wie wird aus einer Geschichte eine Wahrheit?
Über Erinnerungen, die sich verändern, Behauptungen, die durch Wiederholung glaubwürdiger werden, und Menschen, die sich erstaunlich sicher an Dinge erinnern, die möglicherweise nie passiert sind.
Was das Buch nicht erzählt. Aber nicht vergessen hat.Teil 2 von 3
In manchen Familien gibt es Geschichten, die seit Jahrzehnten erzählt werden. Sie gehören inzwischen so selbstverständlich zum gemeinsamen Leben wie bestimmte Rezepte, die Weihnachtsdekoration oder die Überzeugung, dass früher grundsätzlich alles länger gehalten hat, obwohl sich niemand mehr daran erinnern kann, wann genau dieses Früher eigentlich gewesen sein soll.
Eine dieser Geschichten handelt vielleicht von einem Weihnachtsabend, an dem der Vater den Baum umgeworfen hat. Oder die Großmutter. Oder der Hund, der in der ursprünglichen Version noch gar nicht zur Familie gehörte.
Die Geschichte wird jedes Jahr erzählt. Man kennt den Anfang, die Pointe und den Moment, an dem jemand sagt, dass es eigentlich ganz anders gewesen sei.
Das führt gewöhnlich zu einer kurzen Auseinandersetzung über die Reihenfolge der Ereignisse, bei der mindestens zwei Beteiligte erklären, sie seien schließlich selbst dabei gewesen.
Das ist ein überzeugendes Argument.
Zumindest so lange, bis der dritte Beteiligte ebenfalls erklärt, dabei gewesen zu sein, und eine Version schildert, die mit den ersten beiden ungefähr so viel gemeinsam hat wie Kartoffelsalat mit einer Steuererklärung.
Niemand muss dabei absichtlich lügen.
Es ist durchaus möglich, dass alle drei Menschen ehrlich davon überzeugt sind, sich richtig zu erinnern.
Und genau das macht die Sache interessant.
Denn unser Gedächtnis ist kein Archiv, in dem Erlebnisse ordentlich abgelegt werden und anschließend unverändert darauf warten, dass wir sie wieder hervorholen.
Es arbeitet anders.
Sehr viel anders.
Und manchmal ist es dabei ausgesprochen kreativ.
Das Gedächtnis ist kein besonders zuverlässiger Protokollführer
Wenn wir uns an etwas erinnern, fühlt es sich häufig an, als würden wir eine vergangene Situation noch einmal betrachten. Wir sehen Bilder vor uns, hören bestimmte Sätze und können uns gelegentlich sogar an Gerüche oder Gefühle erinnern.
Diese Lebendigkeit vermittelt Sicherheit.
Wer sich so genau an etwas erinnert, muss es schließlich erlebt haben.
Nur stimmt das nicht unbedingt.
Die Gedächtnisforschung zeigt seit Langem, dass Erinnerungen keine unveränderlichen Kopien vergangener Ereignisse sind. Sie werden beim Abrufen rekonstruiert. Dabei können vorhandenes Wissen, Erwartungen, spätere Informationen und gegenwärtige Bewertungen eine Rolle spielen.
Bereits der britische Psychologe Frederic Bartlett untersuchte in den 1930er-Jahren, wie Menschen Geschichten erinnern und weitererzählen. In seinem 1932 veröffentlichten Werk Remembering beschrieb er, dass Erinnerungen durch vorhandene Wissensstrukturen geprägt werden.
Menschen reproduzieren eine Geschichte nicht zwangsläufig wortgetreu. Sie ordnen sie ein, verändern Einzelheiten und machen sie mitunter verständlicher, indem sie Ungewohntes an bereits Bekanntes anpassen.
Das ist im Alltag zunächst einmal ausgesprochen praktisch.
Wir müssen nicht jedes Erlebnis in sämtlichen Einzelheiten abspeichern. Unser Gedächtnis hilft uns, Zusammenhänge zu erkennen, Erfahrungen einzuordnen und Informationen sinnvoll zu nutzen.
Problematisch wird es allerdings, wenn wir aus dieser Fähigkeit schließen, dass unsere Erinnerungen deshalb auch historisch präzise sein müssen.
Das sind zwei unterschiedliche Anforderungen.
Ein Gedächtnis, das uns hilft, unseren Alltag zu bewältigen, muss nicht zwangsläufig jedes Gespräch so aufbewahren, dass es dreißig Jahre später vor Gericht als Wortprotokoll verwendet werden könnte.
Trotzdem behandeln wir unsere Erinnerungen gelegentlich genau so. Besonders dann, wenn jemand behauptet, wir hätten etwas gesagt, das wir nach eigener Überzeugung niemals gesagt haben können.
Dann wird aus einer wissenschaftlich interessanten Frage ziemlich schnell eine persönliche Angelegenheit.
Wenn eine Frage die Erinnerung verändert
In den 1970er-Jahren untersuchten die Psychologinnen Elizabeth Loftus und Jacqueline Pickrell beziehungsweise zuvor Loftus und John Palmer, wie spätere Informationen Erinnerungen beeinflussen können.
Besonders bekannt ist eine Untersuchung von Loftus und Palmer aus dem Jahr 1974.
Versuchspersonen sahen Filmaufnahmen von Verkehrsunfällen. Anschließend sollten sie unter anderem einschätzen, wie schnell die beteiligten Fahrzeuge gefahren waren.
Die Forschenden verwendeten dabei unterschiedliche Formulierungen.
Manche Teilnehmende wurden gefragt, wie schnell die Fahrzeuge gewesen seien, als sie zusammenstießen. Andere erhielten eine Frage, in der ein stärkeres Verb verwendet wurde, das sinngemäß eher einem heftigen Aufprall entsprach.
Die Wortwahl beeinflusste die geschätzte Geschwindigkeit.
In einem weiteren Experiment berichteten Personen, die zuvor eine entsprechend suggestive Formulierung gehört hatten, häufiger von zerbrochenem Glas, obwohl im gezeigten Film kein zerbrochenes Glas zu sehen gewesen war.
Das ist bemerkenswert.
Denn die Frage sollte eigentlich Informationen über ein Ereignis abfragen.
Stattdessen konnte ihre Formulierung beeinflussen, was die Befragten später darüber berichteten.
Die Studie zeigt nicht, dass jede Erinnerung beliebig veränderbar wäre. Sie zeigt auch nicht, dass Menschen grundsätzlich unfähig sind, sich zuverlässig an Unfälle zu erinnern. Aber sie macht deutlich, dass Informationen, die wir nach einem Ereignis erhalten, unsere späteren Erinnerungsberichte beeinflussen können.
Und dafür braucht es nicht einmal jemanden, der uns bewusst täuschen möchte.
Manchmal genügt eine bestimmte Formulierung.
Wer einmal erlebt hat, wie unterschiedlich zwei Menschen dasselbe Gespräch wiedergeben, dürfte zumindest eine Vorstellung davon haben, weshalb das problematisch werden kann.
Die eine Person erinnert sich daran, etwas freundlich vorgeschlagen zu haben.
Die andere erinnert sich an eine eindeutige Anweisung.
Beide sind sich sicher.
Und die Frage, ob jemand damals „Vielleicht könnten wir“ oder „Du musst jetzt“ gesagt hat, lässt sich drei Wochen später häufig nicht mehr klären.
Das Gespräch wurde schließlich nicht aufgezeichnet.
Was aus Datenschutzgründen beruhigend ist.
Für die anschließende Beweisführung allerdings bedauerlich.
Warum wir manchmal glauben, etwas selbst erlebt zu haben
Doch interessanter wird es, wenn Menschen sich nicht nur an Einzelheiten falsch erinnern, sondern Schwierigkeiten bekommen, zwischen verschiedenen Informationsquellen zu unterscheiden.
In der Psychologie spricht man unter anderem von Source Monitoring, also der Fähigkeit, die Herkunft einer Erinnerung oder Information einzuordnen.
Habe ich etwas selbst erlebt?
Hat mir jemand davon erzählt?
Habe ich es gelesen?
Oder habe ich mir die Situation lediglich vorgestellt?
Diese Unterscheidung gelingt uns nicht immer zuverlässig.
Die Psychologinnen und Psychologen Marcia Johnson, Shahin Hashtroudi und D. Stephen Lindsay beschrieben 1993 in einem grundlegenden Übersichtsartikel, wie Menschen Informationen unterschiedlichen Quellen zuordnen und weshalb dabei Fehler entstehen können.
Das betrifft nicht nur außergewöhnliche Situationen.
Man kann sich beispielsweise an eine Geschichte aus der eigenen Kindheit erinnern, die innerhalb der Familie häufig erzählt wurde. Vielleicht hat man dazu Fotos gesehen. Vielleicht haben Eltern oder Großeltern immer wieder dieselben Einzelheiten ergänzt. Irgendwann entsteht eine sehr lebendige Vorstellung davon, wie die Situation gewesen sein muss. Diese Vorstellung kann sich wie eine eigene Erinnerung anfühlen. Ob sie tatsächlich auf einer persönlichen Erinnerung beruht, lässt sich daraus allein nicht ableiten. Dabei ist eine wichtige Unterscheidung nötig: Nicht jede lebendige Kindheitserinnerung ist falsch, nur weil andere Menschen ebenfalls davon erzählt haben. Aber die Lebendigkeit einer Erinnerung beweist für sich genommen nicht, dass sie auf einem unmittelbar selbst erlebten und korrekt erinnerten Ereignis beruht.
Das ist eine unangenehme Erkenntnis.
Vor allem für Menschen, die gern mit dem Satz argumentieren: „Ich weiß das ganz genau. Ich sehe es doch noch vor mir.“
Leider ist unser Gehirn nicht verpflichtet, bei solchen inneren Bildern einen Hinweis einzublenden, der zwischen Originalaufnahme, späterer Ergänzung und freier Rekonstruktion unterscheidet.
Das wäre ausgesprochen hilfreich.
Vermutlich würde es allerdings auch einen erheblichen Teil familiärer Auseinandersetzungen vorzeitig beenden.
Und damit eine Tradition gefährden, die offenbar ebenfalls seit Generationen gepflegt wird.
Warum Wiederholung glaubwürdig macht
Bis hierhin ging es vor allem um persönliche Erinnerungen.
Aber wie entsteht aus einer häufig erzählten Behauptung etwas, das wir irgendwann für wahr halten?
Dafür gibt es einen weiteren interessanten Forschungsbereich.
In der Psychologie wird das Phänomen als Illusory Truth Effect bezeichnet, auf Deutsch häufig als Wahrheitseffekt oder Wahrheitsillusion durch Wiederholung.
Die Grundidee ist vergleichsweise einfach.
Wenn Menschen eine Aussage wiederholt hören oder lesen, kann ihnen diese Aussage später glaubwürdiger erscheinen.
Nicht unbedingt, weil neue Belege hinzugekommen sind.
Sondern weil sie vertrauter geworden ist.
Bereits 1977 untersuchten Lynn Hasher, David Goldstein und Thomas Toppino diesen Zusammenhang. Ihre Studie zeigte, dass wiederholt präsentierte Aussagen im Durchschnitt häufiger als wahr eingeschätzt wurden.
Spätere Untersuchungen haben den Effekt unter unterschiedlichen Bedingungen weiter erforscht.
Eine wichtige Erklärung ist die sogenannte Verarbeitungsflüssigkeit, im Englischen Processing Fluency.
Informationen, die uns vertraut sind, lassen sich häufig leichter verarbeiten. Diese Leichtigkeit kann unter bestimmten Bedingungen als Hinweis auf Glaubwürdigkeit fehlinterpretiert werden.
Das bedeutet nicht, dass wir jede Behauptung glauben, sobald wir sie dreimal gehört haben.
Es bedeutet auch nicht, dass Wiederholung stärker wäre als jedes vorhandene Wissen.
Aber sie kann unsere Urteile beeinflussen.
Und das ist gesellschaftlich durchaus relevant.
Denn eine Behauptung wird nicht automatisch besser belegt, nur weil sie häufig auftaucht.
Sie wird zunächst häufiger.
Das ist ein Unterschied, den man angesichts mancher öffentlicher Diskussionen gelegentlich an die Wand schreiben möchte.
Möglichst groß.
Und vielleicht mehrfach.
Wobei wir dann natürlich selbst mit Wiederholung arbeiten würden.
Das Problem lässt sich offenbar nicht vollständig vermeiden.
Aus einer Vermutung wird eine Tatsache
Stellen wir uns vor, jemand erzählt von einer historischen Person.
Über ihr tatsächliches Leben sind nur wenige Einzelheiten bekannt.
Man weiß ungefähr, wann und wo sie gelebt hat. Einige frühe Texte erwähnen sie. Vieles bleibt offen.
Irgendwann entsteht eine spätere Erzählung, die zusätzliche Informationen liefert.
Vielleicht erhält die Person darin Eltern mit Namen, eine ausführliche Kindheitsgeschichte oder bestimmte Eigenschaften.
Diese Erzählung wird weitergegeben.
Andere Menschen greifen sie auf.
Sie erscheint in Bildern, Büchern und religiösen oder kulturellen Traditionen.
Jahrhunderte später ist sie so vertraut, dass kaum noch jemand fragt, aus welcher Quelle die betreffende Einzelheit ursprünglich stammt.
Das ist einer der Punkte, die uns beim Schreiben von Das vierte Kamel beschäftigt haben.
Im ersten Beitrag dieser Reihe ging es um Maria von Nazareth und die Frage, was wir historisch tatsächlich über sie wissen.
Dabei begegneten uns beispielsweise die Namen ihrer Eltern, Anna und Joachim.
Sie gehören seit Langem zur christlichen Tradition.
In den kanonischen Evangelien werden Marias Eltern jedoch nicht namentlich genannt. Die Namen begegnen uns im Protoevangelium des Jakobus, einer wahrscheinlich im zweiten Jahrhundert entstandenen Schrift. Das ist ein konkretes Beispiel dafür, wie eine spätere Überlieferung das Bild einer historischen Person prägen kann.
Allerdings müssen wir auch hier genau bleiben.
Der psychologische Wahrheitseffekt allein erklärt nicht, wie religiöse Traditionen entstehen oder weshalb bestimmte Überlieferungen über Jahrhunderte weitergegeben werden. Dafür spielen viele weitere Faktoren eine Rolle: religiöse Autorität, gemeinschaftliche Praxis, kulturelle Bedeutung, Kunst, Bildung und die bewusste Auslegung von Texten.
Nicht jede Tradition entsteht durch einen Erinnerungsfehler.
Nicht jede spätere Erzählung wird deshalb geglaubt, weil sie häufig wiederholt wurde.
Und nicht jede religiöse Aussage erhebt überhaupt denselben Anspruch wie eine historisch überprüfbare Tatsachenbehauptung.
Trotzdem gibt es eine interessante Verbindung.
Was uns über lange Zeit vertraut geworden ist, hinterfragen wir häufig weniger selbstverständlich als etwas, das wir zum ersten Mal hören.
Vertrautheit ersetzt keinen Beleg.
Sie kann sich aber gelegentlich ziemlich überzeugend als einer verkleiden.
Warum wir Geschichten überhaupt weitererzählen
Es wäre allerdings zu einfach, Menschen grundsätzlich vorzuwerfen, sie würden die Vergangenheit ständig verfälschen.
Geschichten erfüllen wichtige Funktionen.
Sie verbinden Menschen miteinander.
Sie vermitteln Erfahrungen, Werte und Vorstellungen.
Sie helfen Familien, Gruppen und Gesellschaften dabei, ein gemeinsames Verständnis ihrer Vergangenheit zu entwickeln.
Der französische Soziologe Maurice Halbwachs beschäftigte sich bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem sozialen Charakter von Erinnerung.
Seine Arbeiten prägten die Forschung zum kollektiven Gedächtnis.
Die grundlegende Überlegung lautet, dass Erinnerungen nicht ausschließlich individuelle Vorgänge sind. Sie stehen auch im Zusammenhang mit sozialen Gruppen und den Deutungsrahmen, in denen Menschen leben.
Wir erinnern uns nicht unabhängig von unserer Umgebung. Familien, Gemeinschaften und gesellschaftliche Vorstellungen beeinflussen, welche Ereignisse wichtig erscheinen, wie über sie gesprochen wird und welche Bedeutung sie erhalten. Das bedeutet nicht, dass eine Familie ein gemeinsames Gehirn besitzt. Auch wenn manche Diskussionen den Eindruck vermitteln, dass zumindest gelegentlich versucht wird, eines zentral zu verwalten.
Es bedeutet vielmehr, dass Erinnerung sozial eingebettet ist.
Wenn innerhalb einer Familie immer wieder dieselben Geschichten erzählt werden, tragen diese Geschichten dazu bei, ein gemeinsames Bild der Vergangenheit zu schaffen.
Manchmal ist dieses Bild ziemlich genau.
Manchmal enthält es Vereinfachungen.
Und manchmal ist es vor allem deshalb stabil, weil niemand Lust hat, beim Weihnachtsessen zum siebzehnten Mal darüber zu diskutieren, ob der betreffende Urlaub 1998 oder 1999 stattgefunden hat.
Solche Geschichten müssen nicht historisch perfekt sein, um für Menschen eine Bedeutung zu besitzen.
Aber ihre Bedeutung macht sie auch nicht automatisch historisch korrekt.
Beides kann gleichzeitig gelten.
Eine Erzählung kann für eine Familie wichtig sein.
Und trotzdem in einzelnen Punkten falsch.
Das Problem mit den Menschen, die es ganz genau wissen
Besonders interessant finde ich, wie wir mit Unsicherheit umgehen.
Eigentlich müsste der Satz „Ich weiß es nicht mehr genau“ vollkommen selbstverständlich sein.
Unser Gedächtnis ist begrenzt.
Wir vergessen Dinge.
Wir verwechseln Einzelheiten.
Wir erinnern uns an bestimmte Situationen besser als an andere.
Und selbst dort, wo wir uns sicher fühlen, können Fehler vorkommen.
Trotzdem hat Unsicherheit in vielen Gesprächen einen erstaunlich schlechten Ruf.
Wer sagt, dass er etwas nicht genau weiß, wirkt gelegentlich weniger überzeugend als jemand, der eine klare Antwort gibt.
Auch dann, wenn die klare Antwort falsch ist.
Das liegt nicht daran, dass Sicherheit grundsätzlich ein Zeichen mangelnder Kompetenz wäre.
Natürlich können Menschen über fundiertes Wissen verfügen und dieses mit großer Überzeugung vertreten.
Problematisch wird es erst, wenn wir die Überzeugung selbst mit einem Beleg verwechseln.
Ein Mensch kann sehr sicher sein.
Und trotzdem falschliegen.
Ein anderer kann vorsichtig formulieren.
Und trotzdem recht haben.
Diese beiden Möglichkeiten werden im Alltag nicht immer angemessen berücksichtigt.
Besonders deutlich wird das in Diskussionen, in denen jemand einen Sachverhalt mit großer Entschlossenheit erklärt und anschließend auf die Frage nach einer Quelle antwortet, er habe das schließlich schon immer gewusst.
Das ist als persönliche Auskunft durchaus interessant.
Als wissenschaftlicher Nachweis bleibt es ausbaufähig.
Nicht jede Erinnerung ist falsch. Nicht jede Überlieferung erfunden.
An dieser Stelle möchte ich etwas ausdrücklich festhalten.
Die Erkenntnis, dass Erinnerungen veränderbar sind, bedeutet nicht, dass wir ihnen grundsätzlich misstrauen müssen.
Menschen können sich an viele Ereignisse zuverlässig erinnern.
Wiederholung kann helfen, Informationen zu behalten.
Erzählungen können historisch zutreffende Inhalte über lange Zeit bewahren.
Und spätere Überlieferungen sind nicht automatisch falsch, nur weil sie später entstanden sind.
Entscheidend ist, welche Frage wir stellen.
Wenn wir wissen möchten, welche Bedeutung eine Geschichte für eine Gemeinschaft besitzt, untersuchen wir etwas anderes als bei der Frage, ob sich ein bestimmtes Ereignis historisch nachweisen lässt. Wenn wir verstehen möchten, wie Menschen sich an ein Erlebnis erinnern, beschäftigen wir uns mit einem anderen Gegenstand als bei der Rekonstruktion des tatsächlichen Ablaufs. Und wenn wir wissen möchten, ob eine Behauptung zutrifft, brauchen wir Belege, die über ihre bloße Bekanntheit hinausgehen.
Diese Unterscheidungen machen die Beschäftigung mit Geschichte und Erinnerung manchmal mühsam.
Sie verhindern aber auch, dass wir alles unterschiedslos für wahr oder falsch erklären.
Gerade bei religiösen Überlieferungen ist das wichtig.
Eine Glaubensvorstellung kann für Menschen eine tiefe Bedeutung haben, ohne dass sie sich mit denselben Methoden untersuchen lässt wie eine archäologische Fundstelle.
Eine historische Behauptung wiederum sollte sich nicht allein deshalb einer Überprüfung entziehen, weil sie Teil einer vertrauten Tradition geworden ist.
Beides lässt sich unterscheiden, ohne das eine gegen das andere ausspielen zu müssen.
Man muss nur bereit sein, genauer hinzusehen.
Das ist erfahrungsgemäß der Moment, in dem eine ursprünglich einfache Geschichte kompliziert wird.
Was passiert, wenn wir anfangen nachzufragen?
Vielleicht ist das der interessanteste Punkt an der ganzen Sache.
Wir müssen nicht jede Geschichte anzweifeln.
Wir müssen auch nicht bei jedem Familienessen sämtliche Erinnerungen auf ihre historische Belastbarkeit überprüfen.
Das wäre vermutlich eine ausgesprochen effektive Methode, künftig nicht mehr eingeladen zu werden.
Aber wir könnten uns gelegentlich fragen, woher eine bestimmte Gewissheit stammt.
Haben wir etwas selbst erlebt?
Haben wir es von jemandem gehört?
Kennen wir eine Quelle?
Oder erscheint uns eine Aussage vor allem deshalb selbstverständlich, weil sie uns schon so lange begleitet?
Diese Fragen verändern nicht automatisch unsere Überzeugungen.
Sie können aber verhindern, dass wir Vertrautheit mit Wissen verwechseln.
Und vielleicht helfen sie uns auch dabei, anderen Menschen etwas weniger selbstverständlich zu erklären, wie die Dinge gewesen sein müssen.
Denn manchmal wissen wir es tatsächlich.
Manchmal haben wir gute Gründe für eine bestimmte Annahme.
Und manchmal kennen wir einfach nur eine Geschichte, die wir seit zwanzig Jahren hören.
Das ist nicht dasselbe.
Auch wenn die Geschichte inzwischen sehr gut erzählt wird.
Eine Geschichte bleibt nicht stehen
Beim Schreiben von Das vierte Kamel ging es uns nicht darum, vertraute Überlieferungen grundsätzlich zu widerlegen.
Wir wollten genauer unterscheiden.
Was steht tatsächlich in den frühen Texten?
Was wurde später ergänzt?
Welche Bilder haben sich über Jahrhunderte entwickelt?
Und weshalb erscheinen uns manche Einzelheiten heute so selbstverständlich, obwohl sie in den ursprünglichen Quellen überhaupt nicht vorkommen?
Diese Fragen betreffen nicht nur Maria.
Sie betreffen unseren Umgang mit Vergangenheit insgesamt.
Denn Geschichten bleiben selten unverändert.
Sie werden erzählt, erinnert, interpretiert und in neue Zusammenhänge gestellt.
Manche Einzelheiten verschwinden.
Andere kommen hinzu.
Wieder andere erhalten eine Bedeutung, die sie ursprünglich möglicherweise gar nicht hatten.
Und irgendwann entsteht eine Version, die uns so vertraut ist, dass wir sie kaum noch als Version wahrnehmen.
Vielleicht ist das die eigentliche Schwierigkeit.
Nicht, dass Menschen Geschichten erzählen.
Sondern dass wir manchmal vergessen, dass sie erzählt wurden. Wir behandeln sie dann, als hätten sie schon immer in genau dieser Form existiert. Dabei hat jede Überlieferung eine Geschichte. Auch die Geschichte ihrer Veränderungen. Und diese zweite Geschichte ist gelegentlich mindestens so interessant wie die erste.
Was bleibt, wenn wir uns nicht mehr ganz sicher sind?
Ich finde den Gedanken zunächst einmal ziemlich beruhigend, dass man nicht alles wissen muss.
Nicht jede Erinnerung braucht ein endgültiges Urteil.
Nicht jede Familiengeschichte muss vor einem Untersuchungsausschuss bestehen.
Und nicht jede historische Frage lässt sich beantworten.
Manchmal reicht es, den Unterschied zu kennen zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir vermuten.
Vielleicht sollten wir den Satz „So habe ich es in Erinnerung“ häufiger verwenden.
Er klingt weniger entschieden als „So war es“.
Aber er ist in vielen Situationen präziser.
Und manchmal ist Präzision eben wichtiger als Entschlossenheit.
Vor allem dann, wenn wir über andere Menschen sprechen.
Über Menschen, die nicht mehr selbst erzählen können, wie sie etwas erlebt haben.
Oder über Menschen, die direkt neben uns sitzen und gerade versuchen, uns zu erklären, dass der Weihnachtsbaum damals keineswegs vom Vater umgeworfen wurde.
Sondern von der Großmutter.
Der Hund kam erst zwei Jahre später.
Da sind sich übrigens alle einig.
Zumindest bis zum nächsten Weihnachtsessen.
Was das mit „Das vierte Kamel“ zu tun hat
In unserem satirischen Roman Das vierte Kamel - Marias Bemerkungen zu einer unvollständigen Überlieferung begegnet Maria den Geschichten und Darstellungen, die im Laufe der Jahrhunderte über sie entstanden sind.
Der Roman fragt, was geschieht, wenn eine Frau ihre eigene Überlieferung betrachten und kommentieren könnte.
Dieser Beitrag beschäftigt sich mit einer Frage, die darüber hinausgeht: Warum werden uns Geschichten durch Wiederholung vertraut, und unter welchen Bedingungen kann diese Vertrautheit unsere Vorstellung von Wahrheit beeinflussen?
Es geht nicht darum, Erinnerungen oder Traditionen grundsätzlich infrage zu stellen.
Sondern darum, genauer zu unterscheiden, was wir wissen, was wir erinnern und was wir irgendwann einfach übernommen haben.
Quellen und wissenschaftliche Literatur
Bartlett, Frederic C. (1932):Remembering: A Study in Experimental and Social Psychology. Cambridge: Cambridge University Press.
Grundlegendes Werk zur rekonstruktiven Natur menschlicher Erinnerung und zur Bedeutung vorhandener Wissensstrukturen beim Erinnern und Weitererzählen.
Loftus, Elizabeth F., & Palmer, John C. (1974):Reconstruction of Automobile Destruction: An Example of the Interaction Between Language and Memory. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 13(5), 585–589.DOI: 10.1016/S0022-5371(74)80011-3.
Experimentelle Untersuchung zum Einfluss sprachlicher Formulierungen auf spätere Erinnerungsberichte über Verkehrsunfälle.
Johnson, Marcia K., Hashtroudi, Shahin, & Lindsay, D. Stephen (1993):Source Monitoring. Psychological Bulletin, 114(1), 3–28.DOI: 10.1037/0033-2909.114.1.3.
Grundlegender Übersichtsartikel zur Frage, wie Menschen die Herkunft von Erinnerungen und Informationen einordnen und weshalb dabei Fehler entstehen können.
Hasher, Lynn, Goldstein, David, & Toppino, Thomas (1977):Frequency and the Conference of Referential Validity. Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 16(1), 107–112.DOI: 10.1016/S0022-5371(77)80012-1.
Frühe experimentelle Untersuchung zum Einfluss wiederholter Aussagen auf die Einschätzung ihrer Glaubwürdigkeit.
Halbwachs, Maurice (1950):La mémoire collective. Paris: Presses Universitaires de France.
Grundlegendes Werk zum sozialen und kollektiven Charakter von Erinnerung.
Maunder, Chris (Hrsg.) (2019):The Oxford Handbook of Mary. Oxford: Oxford University Press.
Wissenschaftliches Handbuch zur biblischen Überlieferung, theologischen Bedeutung, Geschichte der Marienverehrung und kulturellen Darstellung Marias.
Frühchristliche Quelle:Protoevangelium des Jakobus, wahrscheinlich Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr.
Außerkanonische Schrift, die unter anderem spätere Traditionen über Marias Eltern und Kindheit prägte.
Autorin: Fee Pohlmann
Reihe: Was das Buch nicht erzählt. Aber nicht vergessen hat.
Teil: 2 von 3
Zugehöriges Buch: Das vierte Kamel - Marias Bemerkungen zu einer unvollständigen Überlieferung




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