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Zweimal gebissen. Einmal geflüchtet. Und jetzt gehört der Kleiderschrank der Spinne.

vor 5 Tagen
11 Min. Lesezeit

Über einen Morgen, an dem ich eigentlich nur ins Badezimmer wollte, eine Spinne offenbar andere Pläne hatte und ich anschließend über Arachnophobie, Gerechtigkeit und die Entstehung von Spider-Woman nachdenken musste.


Es gibt Morgen, an denen man aufsteht, ins Badezimmer geht, sich fertig macht und anschließend ganz normal mit seinem Tag beginnt.


Und dann gibt es den 28. Oktober 2026.


Ich hatte an diesem Morgen eigentlich nichts Besonderes vor. Jedenfalls nichts, das einen körperlichen Konflikt mit einem achtbeinigen Mitbewohner beinhaltet hätte.


Ich stand im Badezimmer, hatte ein Handtuch um den Körper und ein zweites um die Haare gewickelt. Ein Zustand, in dem man sich zwar grundsätzlich innerhalb der eigenen vier Wände sicher fühlt, der für spontane Fluchtversuche allerdings nur bedingt geeignet ist.


Ich wollte etwas aus einem Regal nehmen.

Eine ausgesprochen gewöhnliche Tätigkeit.


Ich greife regelmäßig in Regale. Meistens ohne Zwischenfälle. In den vergangenen Jahren hat sich daraus sogar eine gewisse Routine entwickelt.


Heute nicht.


Als ich mit der linken Hand ins Regal griff, verspürte ich plötzlich einen deutlichen Schmerz am Mittelfinger.

Ich zog die Hand zurück und sah nach.

Auf meinem Finger saß eine Spinne.


Und damit meine ich nicht eines dieser winzigen Exemplare, bei denen man kurz überlegt, ob es sich überhaupt um eine Spinne handelt oder möglicherweise um einen Fussel mit Ambitionen.


Nein.

Diese Spinne war groß.

Wirklich groß.


In meiner Erinnerung ungefähr so groß, dass allein ihr Körper die Fläche einer Zwei-Euro-Münze beanspruchte. Eine objektive Vermessung fand nicht statt. Ich hatte in diesem Moment andere Prioritäten.


Beispielsweise die Frage, weshalb dieses Tier auf meinem Finger saß.

Und warum mein Finger wehtat.

Und ob es eine gesellschaftlich anerkannte Möglichkeit gab, innerhalb der nächsten halben Sekunde den Wohnort zu wechseln.



Die erste Begegnung

Bis zu diesem Morgen hatte ich ein ziemlich entspanntes Verhältnis zu Spinnen.

Ich mochte sie nicht unbedingt. Ich habe auch nie darüber nachgedacht, eine als Haustier anzuschaffen oder ihr einen Namen zu geben.


Aber ich ließ sie in Ruhe.


Mein bisheriges Verhältnis zu diesen Tieren beruhte auf einer einfachen Vereinbarung, die allerdings ausschließlich in meinem Kopf existierte: Ihr bleibt irgendwo in eurer Ecke, ich bleibe in meiner, und wir verzichten auf körperliche Auseinandersetzungen. Dazu gehörte auch die Überzeugung, dass Spinnen normalerweise mehr Angst vor uns haben als wir vor ihnen.


Das hört man schließlich ständig.

Und vermutlich stimmt es in vielen Situationen sogar.


Allerdings hatte ich heute Morgen den Eindruck, dass meine Spinne diese Information entweder nicht erhalten oder bewusst ignoriert hatte.


Denn sie saß auf meinem Finger.

Und mein Finger schmerzte.


Was dann folgte, war keine besonders durchdachte Handlung.

Es war vielmehr eine spontane Kombination aus Schreien, hektischem Armschütteln und einer Fluchtbewegung, bei der mein Gehirn offenbar beschlossen hatte, sämtliche weiteren Entscheidungen an das Adrenalin auszulagern.


Ich schleuderte die Spinne von meiner Hand.

Wohin, wusste ich zunächst nicht.

Ich wusste nur, dass ich sie nicht mehr auf meinem Finger haben wollte.

Dieses Ziel hatte ich erreicht.


Leider hatte ich dabei offenbar übersehen, dass das Schlafzimmer unmittelbar an meinen Fluchtweg grenzte.

Und dass eine weggeschleuderte Spinne nicht zwangsläufig verschwindet, nur weil man selbst beschlossen hat, die Situation zu verlassen.



Die zweite Begegnung

Ich rannte also.

Noch immer im Handtuch.

Noch immer schreiend.


Und mit einer Geschwindigkeit, die ich mir unter normalen Umständen vermutlich nicht zutrauen würde.


Dann verspürte ich einen weiteren Schmerz.

Diesmal am linken Fuß.


Ob die Spinne bei meiner Flucht dort gelandet war, ob ich ihr erneut zu nahe gekommen war oder wie genau dieser zweite Kontakt zustande kam, kann ich nicht sicher sagen.


Ich war in diesem Moment nicht besonders gut darin, Bewegungsabläufe wissenschaftlich zu dokumentieren.

Ich hatte vielmehr den Eindruck, dass mich dieselbe Spinne nun ein zweites Mal gebissen hatte. Eine durchaus bemerkenswerte Eskalation für eine Begegnung, die wenige Sekunden zuvor mit dem Griff in ein Badezimmerregal begonnen hatte.


Und während ich noch versuchte, meine körperliche Unversehrtheit und die Würde meines Handtuchs gleichzeitig zu bewahren, sah ich die Spinne verschwinden.


In meinen begehbaren Kleiderschrank.


Meinen.

Begehbaren.

Kleiderschrank.


Es gibt Orte, an denen man eine große Spinne noch einigermaßen akzeptieren könnte.

Eine dunkle Ecke im Keller beispielsweise.

Ein Schuppen.

Ein Gartenhaus.

Irgendein Ort, den man ohnehin nur aufsucht, wenn man etwas sucht, das seit 2017 verschwunden ist.


Aber ausgerechnet der Kleiderschrank?

Der Ort, an dem meine Kleidung hängt?

Die Kleidung, die ich in diesem Moment dringend benötigte?


Das war nicht einfach nur ungünstig.

Das war eine strategisch bemerkenswerte Entscheidung.


Die Ereignisse wurden für das Video künstlerisch aufgearbeitet. Die Spinne war tatsächlich groß. Ob sie so groß war wie in der Animation, möchte ich ohne anwaltlichen Beistand nicht beantworten.

Die Frage der Verhältnismäßigkeit

An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten, dass ich auf Gewalt verzichtet habe.

Natürlich hätte ich zurückbeißen können.

Aus Gründen der Gerechtigkeit.


Zweimal gebissen zu werden, ohne wenigstens einmal die Möglichkeit einer Gegenreaktion zu prüfen, erscheint mir rückblickend beinahe unverhältnismäßig.


Außerdem hätte ich damit möglicherweise eine zusätzliche Proteinquelle erschlossen.

Man muss schließlich auch in schwierigen Situationen die ernährungsphysiologischen Möglichkeiten im Blick behalten.


Allerdings hätte das vorausgesetzt, dass ich die Spinne einfange.

Und sie anschließend in die Nähe meines Mundes bringe.


Beides gehörte zu diesem Zeitpunkt nicht zu meinen bevorzugten Handlungsoptionen.

Also entschied ich mich für die friedliche Variante.

Ich ließ sie laufen.


Genauer gesagt: Ich hatte überhaupt keine andere Wahl, weil sie längst in meinem Kleiderschrank verschwunden war.

Aber es klingt deutlich souveräner, wenn ich behaupte, mich bewusst gegen Vergeltung entschieden zu haben.



Ein Kleiderschrank mit unklaren Besitzverhältnissen

Nach diesem Vorfall stand ich vor einem praktischen Problem.

Ich hatte nichts an.

Abgesehen von meinem Handtuch.

Meine Kleidung befand sich im begehbaren Kleiderschrank.

Und im begehbaren Kleiderschrank befand sich möglicherweise eine sehr große Spinne, mit der ich bereits zwei schmerzhafte Begegnungen hinter mir hatte.

Das führte zu einer unerwarteten Neubewertung meiner Wohnsituation.


Bis ungefähr 8:15 Uhr war ich davon ausgegangen, dass ich in diesem Haus relativ frei entscheiden konnte, welche Räume ich betrete.


Um 8:16 Uhr war diese Annahme nicht mehr uneingeschränkt gültig.


Der Kleiderschrank war plötzlich kein Raum mehr, in dem ich Kleidung aufbewahrte.

Er war ein unbekanntes Territorium.

Mit einem möglichen Bewohner, dessen Aufenthaltsort ich nicht kannte.


Ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie die Spinne irgendwo zwischen meinen Sachen saß und überlegte, ob sie sich dauerhaft niederlassen sollte.


Vielleicht hatte sie sich bereits für ein besonders schönes Kleidungsstück entschieden.

Vielleicht betrachtete sie gerade die räumlichen Möglichkeiten.

Vielleicht war sie längst wieder verschwunden.

Das war natürlich ebenfalls möglich.


Aber die Vorstellung, dass sie sich noch dort befand, reichte aus, um meinen Wunsch, den Raum zu betreten, erheblich zu reduzieren.


Inzwischen habe ich mich übrigens angezogen.


Wie genau ich das geschafft habe, ohne mich erneut in eine direkte Auseinandersetzung zu begeben, ist für die Geschichte weniger wichtig als die Tatsache, dass ich es geschafft habe.


Die Spinne habe ich seit ihrem Verschwinden nicht wieder gesehen.

Das bedeutet allerdings nicht, dass sie nicht mehr da ist.


Und genau darin liegt das Problem.

Ich weiß nicht, wo sie ist.

Sie weiß vermutlich ebenfalls nicht, wo ich bin.

Aber im Gegensatz zu ihr denke ich seit heute Morgen ziemlich intensiv darüber nach.



Kann man sich an einem Morgen eine Arachnophobie zulegen?

Eine der ersten Fragen, die mir nach dem Vorfall durch den Kopf gingen, war, ob ich mir gerade eine Arachnophobie eingefangen hatte.


Man hört ja immer wieder von Menschen, die große Angst vor Spinnen haben.

Manche verlassen einen Raum, sobald sie eine entdecken. Andere können kaum schlafen, wenn sie wissen, dass irgendwo in ihrer Wohnung eine Spinne sitzt.


Bisher konnte ich das nur begrenzt nachvollziehen.

Nicht, weil ich besonders mutig gewesen wäre.

Sondern weil ich noch nie in einer Situation war, in der eine große Spinne auf meinem Finger saß, ich einen deutlichen Schmerz verspürte und dasselbe Tier anschließend möglicherweise meinen Fuß erwischte.

Das verändert die persönliche Perspektive erstaunlich schnell.


Natürlich ist eine heftige Angstreaktion nach einem erschreckenden Erlebnis noch keine Arachnophobie.

Eine spezifische Phobie ist mehr als der verständliche Wunsch, einem Tier aus dem Weg zu gehen, mit dem man gerade unangenehme Erfahrungen gemacht hat. Entscheidend ist unter anderem, ob eine ausgeprägte, unverhältnismäßige Angst über längere Zeit bestehen bleibt und das Leben deutlich beeinträchtigt.


Nach wenigen Stunden lässt sich das nicht beurteilen.

Trotzdem finde ich die Frage interessant.

Denn unser Gehirn lernt aus Erfahrungen.


Und besonders intensive Erlebnisse können dazu beitragen, dass wir bestimmte Situationen künftig anders bewerten.


Vor heute Morgen war ein Griff ins Badezimmerregal für mich eine alltägliche Handlung.

Jetzt weiß ich, dass ich zumindest beim nächsten Mal vermutlich etwas genauer hinsehen werde.

Ob daraus eine dauerhafte Angst entsteht, wird sich zeigen.

Ich hoffe nicht.


Es wäre ausgesprochen unpraktisch, wenn ich künftig jedes Regal zunächst um Erlaubnis bitten müsste.



Wie gefährlich sind Spinnen in Deutschland eigentlich?

Nachdem die erste Aufregung etwas nachgelassen hatte, tat ich das, was Menschen in solchen Situationen heutzutage häufig tun.


Ich googelte.


Eine Entscheidung, die grundsätzlich sinnvoll sein kann, sofern man bereit ist, zwischen verlässlichen Informationen und den eher dramatischen Möglichkeiten des Internets zu unterscheiden.


Meine Frage war zunächst ziemlich einfach:

Welche Spinnen in Deutschland können überhaupt durch menschliche Haut beißen?


Denn bis dahin war ich davon ausgegangen, dass unsere heimischen Spinnen für Menschen weitgehend harmlos sind.


Das stimmt im Wesentlichen auch.


Die meisten Spinnenarten in Deutschland stellen für gesunde Menschen keine ernsthafte Gefahr dar. Viele können menschliche Haut mit ihren Kieferklauen nicht oder nur unter bestimmten Umständen durchdringen.


Einige größere Arten sind dazu allerdings durchaus in der Lage.

Dazu gehört beispielsweise die Nosferatu-Spinne, die inzwischen auch in Deutschland vorkommt.


Auch bei anderen Arten können unter bestimmten Bedingungen Bisse auftreten.

Die Folgen bleiben normalerweise auf örtliche Beschwerden wie Schmerzen, Rötungen oder Schwellungen begrenzt.

Bei mir waren zunächst eine leichte Rötung und Schwellung zu erkennen.


Nach ungefähr drei Stunden hatten beide bereits deutlich nachgelassen.

Weitere Beschwerden hatte ich nicht.

Das war beruhigend.


Welche Spinne mich tatsächlich erwischt hat, weiß ich trotzdem nicht.


Eine große Hauswinkelspinne?

Eine Nosferatu-Spinne?

Eine andere Art?


Ich kann es nicht sagen.


Die Begegnung war zu kurz, meine Aufmerksamkeit zu sehr auf die Flucht gerichtet und meine Bereitschaft, für ein aussagekräftiges Foto zurückzukehren, ausgesprochen gering.


Ich möchte deshalb auch nicht behaupten, dass es eine bestimmte Spinnenart gewesen sein muss.

Dafür fehlen schlicht die Informationen.


Und ich finde, nach allem, was heute passiert ist, muss ich der Spinne nicht auch noch eine falsche Identität zuweisen.



Die Sache mit Spider-Woman

Während ich also über Spinnen, Bisse und mögliche Folgen nachdachte, fiel mir noch etwas anderes ein.

Spider-Man.


Peter Parker wird in seiner bekannten Ursprungsgeschichte von einer besonderen Spinne gebissen und entwickelt anschließend außergewöhnliche Fähigkeiten.


Das wirft natürlich Fragen auf.


Wenn ein Spinnenbiss aus einem Menschen Spider-Man machen kann, was passiert dann bei zwei Bissen?

Ist das eine Art doppelte Dosierung?

Entwickle ich möglicherweise besonders ausgeprägte Fähigkeiten?

Und falls ja: Welche?

Kann ich demnächst Wände hochlaufen?

Werde ich nachts plötzlich an der Decke hängen?

Oder besteht meine neue Superkraft lediglich darin, Spinnen aus einer Entfernung von drei Metern wahrzunehmen und anschließend sehr schnell wegzurennen?

Letzteres wäre zumindest mit den bisherigen Beobachtungen vereinbar.


Noch interessanter finde ich allerdings die umgekehrte Möglichkeit.

Was, wenn nicht ich mich durch den Biss verändere?

Sondern die Spinne?


Vielleicht wird aus ihr durch den Kontakt mit mir eine Art Woman-Spider.

Eine Spinne mit menschlichen Eigenschaften.


Vielleicht sitzt sie gerade in meinem Kleiderschrank und beginnt, über gesellschaftliche Ungerechtigkeiten nachzudenken.

Vielleicht entwickelt sie eine Vorliebe für Kaffee.

Oder einen ausgeprägten Hang zu Sarkasmus.

Möglicherweise betrachtet sie bereits meine Kleidung und überlegt, welche Teile sich für einen angemessenen öffentlichen Auftritt eignen.


Ich halte das biologisch für ausgesprochen unwahrscheinlich.

Aber wenn wir schon über Comicfiguren sprechen, sollten wir zumindest alle theoretischen Möglichkeiten berücksichtigen.


Wobei mir eine Sache Sorgen macht.

Falls die Spinne tatsächlich menschliche Eigenschaften entwickelt, könnte sie sich ausgerechnet meine aussuchen.

Dann hätten wir möglicherweise bald zwei ziemlich eigensinnige Bewohnerinnen in diesem Haus.

Und nur eine von uns könnte problemlos an der Zimmerdecke sitzen.



Wer hatte hier eigentlich Angst vor wem?

Eine Frage beschäftigt mich allerdings auch jenseits der humorvollen Überlegungen.

Was ist heute Morgen aus Sicht der Spinne passiert?


Ich greife in ein Regal.

Die Spinne sitzt dort möglicherweise völlig ahnungslos.

Plötzlich nähert sich eine riesige Hand.

Es kommt zu einem Kontakt, den ich als Biss wahrnehme.

Anschließend wird das Tier durch eine hektische Bewegung durch die Gegend geschleudert.

Dann bewegt sich ein schreiender Mensch mit hoher Geschwindigkeit durch den Raum.

Aus Sicht der Spinne dürfte das ebenfalls kein besonders angenehmer Morgen gewesen sein.


Ich vermute, sie hatte ihren Tag anders geplant.


Vielleicht wollte sie einfach nur irgendwo sitzen.

Vielleicht war sie auf der Suche nach einem Versteck.

Vielleicht war sie ebenso überrascht wie ich.


Spinnen beißen Menschen normalerweise nicht, weil sie eine persönliche Abneigung gegen sie entwickelt haben.

Ein Biss kann vielmehr eine Abwehrreaktion sein, wenn ein Tier bedrängt oder eingeklemmt wird.

Ob das bei meiner Begegnung tatsächlich so war, weiß ich nicht.

Aber es ist eine plausible Möglichkeit.


Und wenn ich versuche, die Situation aus dieser Perspektive zu betrachten, muss ich zugeben, dass wir uns heute Morgen vermutlich gegenseitig ziemlich erschreckt haben.


Der Unterschied besteht darin, dass ich anschließend googeln konnte, was passiert war.

Die Spinne musste sich mit ihrem neuen Aufenthaltsort zufriedengeben.

Wobei ich noch nicht sicher bin, wer von uns dabei die bessere Lösung gefunden hat.



Ein unerwartetes Problem mit dem eigenen Zuhause

Was mich an der ganzen Geschichte am meisten überrascht, ist nicht einmal die Größe der Spinne.

Es ist die Geschwindigkeit, mit der sich meine Wahrnehmung eines völlig vertrauten Ortes verändert hat.


Mein Badezimmer ist noch dasselbe.

Das Regal steht an derselben Stelle.

Mein Schlafzimmer hat sich nicht verändert.


Und der begehbare Kleiderschrank ist objektiv betrachtet auch nicht gefährlicher geworden, nur weil ich dort eine Spinne habe verschwinden sehen.


Trotzdem fühlt sich die Situation anders an.

Weil ich jetzt weiß, dass sich dort möglicherweise ein Tier aufhält, mit dem ich keine weitere Begegnung möchte.

Es ist faszinierend, wie schnell unser Gehirn aus einem gewöhnlichen Raum einen Ort machen kann, den wir lieber meiden.


Dabei muss dort nicht einmal tatsächlich noch eine Gefahr bestehen.

Die Unsicherheit reicht manchmal aus.


Vielleicht ist die Spinne längst wieder aus dem Kleiderschrank verschwunden.

Vielleicht sitzt sie irgendwo, wo ich sie niemals entdecken werde.

Vielleicht befindet sie sich noch genau dort, wo ich sie zuletzt gesehen habe.

Ich weiß es nicht.


Und diese Ungewissheit ist erstaunlich wirkungsvoll.

Ich hätte vor heute Morgen vermutlich ohne nachzudenken behauptet, dass ich keine Angst vor Spinnen habe.

Jetzt würde ich das etwas vorsichtiger formulieren.

Ich habe jedenfalls großen Respekt vor einer bestimmten Spinne.

Einer sehr großen.

Die möglicherweise in meinem Kleiderschrank wohnt.



Der aktuelle Stand der Dinge

Es ist inzwischen später Vormittag.

Die Schmerzen haben nachgelassen.


Die Rötungen und Schwellungen sind deutlich zurückgegangen.

Mir geht es gut.

Ich bin angezogen.


Das ist bereits ein beachtlicher Fortschritt gegenüber dem Zustand, in dem diese Geschichte begonnen hat.

Die Spinne habe ich nicht wieder gesehen.

Und ich habe derzeit auch keine besonders große Motivation, sie zu suchen.


Natürlich wäre es vernünftig, irgendwann herauszufinden, ob sie sich tatsächlich noch im Kleiderschrank befindet.

Ich werde mich damit beschäftigen.

Vermutlich.

Vielleicht nicht unbedingt sofort.


Es gibt schließlich auch andere wichtige Aufgaben.

Diesen Blogbeitrag schreiben beispielsweise.

Das ist eine Tätigkeit, bei der ich angezogen am Schreibtisch sitzen kann und keine Regale durchsuchen muss.

Insgesamt halte ich das für eine sehr gute Entwicklung.


Eine endgültige Antwort auf die Frage, ob ich jetzt Spider-Woman werde, habe ich übrigens noch nicht.

Bisher sind keine außergewöhnlichen Fähigkeiten aufgetreten.

Ich kann weder Wände hochlaufen noch Spinnennetze produzieren.

Und mein Orientierungssinn hat sich ebenfalls nicht verbessert.


Allerdings habe ich heute Morgen festgestellt, dass ich unter bestimmten Umständen erstaunlich schnell rennen kann.

Vielleicht ist das bereits meine Superkraft.


Vielleicht besteht meine besondere Fähigkeit aber auch einfach darin, aus einem völlig gewöhnlichen Morgen eine Geschichte zu machen, die ich mir unter normalen Umständen niemals ausgedacht hätte.


Denn wenn mir gestern jemand erzählt hätte, dass ich heute von einer großen Spinne gebissen werde, schreiend im Handtuch durchs Haus renne, einen zweiten möglichen Biss am Fuß abbekomme und anschließend meine Garderobe vorübergehend einem Achtbeiner überlasse, hätte ich vermutlich gesagt, dass die Geschichte ein bisschen übertrieben klingt.


Heute weiß ich es besser.


Manchmal braucht es keine besonders ausgefallene Fantasie.

Manchmal reicht ein Griff ins Badezimmerregal.

Und eine Spinne, die zur falschen Zeit am falschen Ort sitzt.

Oder vielleicht war ich zur falschen Zeit am falschen Ort.

Das hängt vermutlich davon ab, wen man fragt.


Die Spinne kann ich dazu leider nicht befragen.

Sie ist schließlich irgendwo in meinem Kleiderschrank.

Und solange ich nicht weiß, wo genau, gehört der Kleiderschrank vorläufig ihr.


Nachtrag vom 28. Oktober 2026: Dieser Beitrag beschreibt meine persönliche Erfahrung unmittelbar nach dem Vorfall. Die Spinnenart konnte ich nicht bestimmen. Die geschilderten Beschwerden waren zum Zeitpunkt des Schreibens bereits deutlich rückläufig. Die Überlegungen zu Spider-Woman sind selbstverständlich nicht als medizinische Prognose zu verstehen. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich ein wenig enttäuscht wäre, wenn nach zwei Bissen nicht wenigstens eine nützliche Superkraft dabei herausspringt.

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